Aus der Opferrolle wird niemals eine Führungsrolle

 

Frauen im Spannungsfeld zwischen patriarchalen Strukturen und Eigenverantwortung

Ich arbeite seit 2004 als Personalberaterin und habe in den vergangenen Jahren eine Menge gesehen. Zum Beispiel erlebe ich bis heute, dass Frauen sich im beruflichen Umfeld schwerer tun als Männer und häufig unter ihren Möglichkeiten bleiben. Vor allem dann, wenn Unternehmen Führungspositionen im mittleren und oberen Management besetzen, ist es meiner Erfahrung nach am Ende meist ein Mann, der den Posten bekommt. Aber warum ist das der Fall? Und ist meine Einschätzung vielleicht einfach nur subjektiv, entbehrt aber jeder statistischen Grundlage?

Es kann nicht nur an den Rahmenbedingungen liegen

Schauen wir uns doch einmal die Zahlen an. 12,8% der Vorstände der DAX-Unternehmen in Deutschland bestehen aus Frauen – eine unangenehm niedrige Zahl, wie ich finde. Natürlich geht es in meinem Arbeitsalltag bei Passion for People nicht um DAX-Konzerne, sondern vor allem darum, Fach- und Führungskräfte für kleinere und mittlere Unternehmen zu finden. Hier sind die Unterschiede zwischen Frauen und Männern ebenfalls enorm – wenn auch nicht mehr ganz so drastisch. Rund 28% der Positionen im mittleren und höheren Management gehen hierzulande an Frauen, also sind also 72% der Vorgesetzten und Geschäftsführer männlich. Immer noch ein Ungleichgewicht, das mich stutzig macht und den Eindruck bestätigt, den ich im Alltag als Personalberaterin habe.

Jetzt könnte man meinen, dass vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf politisch optimiert werden muss, damit mehr Frauen in Führungspositionen kommen. Wie so oft im Leben, kann aber auch dieses Problem nicht nur von einer Seite beleuchtet und gelöst, sondern muss vielschichtig betrachtet werden. Wenn wir uns nämlich bspw. die USA ansehen, wird deutlich, dass es nicht nur um politische Strukturen gehen kann: Hier sind 40% der mittleren und höheren Führungspositionen in Frauenhand – trotz eindeutig schlechterer politischer Voraussetzungen. Es geht also auch um Politik, doch ebenso sehr um Kultur, Tradition, Vorbilder und Motivation.

Die “Gläserne Decke” existiert

Berufstätige Frauen (ob nun mit oder ohne Familie) stoßen in Deutschland immer wieder an die berühmte “Gläserne Decke”. Sie wollen aufsteigen, aber ab einem bestimmten Punkt geht es nicht mehr vorwärts. Ich selbst habe das bereits in meinem Umfeld erlebt und kann deshalb ein Lied davon singen, wie frustrierend es ist, als Frau gegen das Old-Boys-Netzwerk chancenlos zu sein. Gewachsene wirtschaftliche Strukturen in Männerhand und gegenseitiges Pushen zum richtigen Zeitpunkt booten Frauen schneller aus, als sie das Wort “Karriere” auch nur aussprechen können. Und ich weiß ebenso gut, dass es nicht immer ein Zuckerschlecken ist, Kindererziehung und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Ich möchte also betonen, dass mir durchaus bewusst ist, dass es für Frauen in der Privatwirtschaft mehr Stolpersteine gibt als für Männer. Gleichzeitig können Frauen aber auch etwas gegen die alten Strukturen unternehmen – und diese Möglichkeit hervorzuheben, ist mir an dieser Stelle besonders wichtig.

Aus der Opferrolle herauskommen

Was können Frauen tun, um höhere Positionen zu besetzen? Welche Möglichkeiten haben sie, sich gegen die männliche Konkurrenz durchzusetzen? Wo dürfen Frauen sich an die eigene Nase fassen und überprüfen, wo ihr eigener Anteil an der Situation liegt?

Zunächst einmal stelle ich immer wieder fest, dass Frauen im beruflichen Umfeld häufig leiser und zurückhaltender sind als Männer. Mir fällt auf, dass sie oft Selbstzweifel hegen und sich ihrer selbst nicht ganz so sicher sind. Das betrifft nicht nur die fachlichen Kompetenzen der Frauen, sondern vor allem auch ihre Führungsqualitäten. An Stellen, an denen ein Mann von sich überzeugt und bereit ist, jede Herausforderung anzunehmen, zögert eine Frau eher und fragt sich, ob sie dazu geeignet ist, die neue Aufgabe zu stemmen. Diese innerliche Grundhaltung beeinflusst nicht nur Bewerbungsprozesse, sondern auch alle anderen Phasen der beruflichen Entwicklung.

Und genau hier ist meiner Erfahrung nach ein Knackpunkt: Frauen dürfen an ihrem Selbstbild arbeiten, wenn sie Karriere machen wollen. Wichtig ist dabei, dass man sich als Frau erst einmal eingesteht, dass man sich bisher kleiner gemacht hat als man ist. Das zuzugeben fällt vielen schwer, weil es nicht ins Selbstbild der modernen, unabhängigen und starken Frau passt. Es ist leichter, sich und der Welt die Geschichte vom “unfairen System” zu erzählen, statt sich zu reflektieren und die eigenen Verhaltensmuster zu ändern – entgegen aller Hindernisse, die unbestritten vorhanden sind. Ich rate also allen Frauen, sich immer wieder Zeit zur Reflexion zu nehmen und selbstkritisch zu schauen, wo die beruflichen Hebel liegen, die sie ganz allein in die Hand nehmen können.

Sprechen Sie aus, dass Sie aufsteigen wollen!

Des Weiteren ist Solidarität unter Frauen ein großes Thema. Auch hierzu gibt es Zahlen: Unternehmerinnen in Deutschland beschäftigen rund 63% Frauen, Unternehmer hingegen haben in ihren Teams etwa 53% Frauen an Bord. Die familienfreundlicheren Arbeitsbedingungen finden Arbeitnehmer in Firmen, die Frauen an der Spitze haben. Es lohnt sich also, wenn Frauen sich gegenseitig unterstützen. Denn dann ist die Chance für unser Land besonders groß, nachhaltig mehr Frauen auch in höheren Positionen zu beschäftigen.

Sehr wichtig ist meines Erachtens ebenfalls, dass Frauen lernen, ihre Kompetenzen deutlich hervorzuheben. Wenn ich eine Vakanz in einem Unternehmen besetzen möchte, spreche ich in aller Regel mit Kandidaten beider Geschlechter. Dabei fällt mir immer wieder auf, dass Männer besser darin sind, sich darzustellen und ihre bisherigen beruflichen Erfolge aufzuzeigen. Frauen sollten ihre Leistungen ebenfalls deutlich darstellen und benennen, statt darauf zu warten, dass irgendjemand schon merken wird, wie gut sie in ihrem Job sind. Und vor allem müssen Karriereambitionen ausgesprochen (!) werden. Niemand kann erwarten befördert zu werden, wenn er zu keiner Zeit signalisiert, mehr Verantwortung übernehmen zu wollen.

Ich bin sehr gespannt auf Rückmeldungen zu diesem Thema, besonders auch auf Erfahrungswerte von Frauen. Lassen Sie uns diskutieren und uns gegenseitig inspirieren! Natürlich freue ich mich immer auch über Gespräche mit Verantwortlichen, die Vakanzen zu besetzen haben. Nutzen Sie gern meinen Kalender, um einen Termin zum Video-Call auszumachen: https://calendly.com/babette-woldt/15min?month=2021-12

Ein Beitrag von Babette Woldt
Headhunter & Personnel Consultant specialized in Engineering & IT

Passion for People Managing Partner