Als Mittfünfziger noch einen neuen Job finden – wie man das schaffen kann und was man vermeiden sollte

Mit 55+ noch einen neuen Job finden? Mit der richtigen Strategie kann das klappen – unabhängig von der Qualifikation

Immer wieder erhalte ich Anfragen von Kandidaten Anfang/Mitte 50, führe erste meist telefonische Kontaktgespräche oder stoße bei Suchen auf deren Profile. Was ich dabei in vielen Fällen erlebe veranlasst mich dazu, diesen Blog zu schreiben.

Zwei Dinge seien vorneweg gesagt:
Trotz Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das eine Benachteiligung u. a. wegen des Alters verbietet, und trotz des vielbeschworenen Fachkräftemangels ist es ‘mit über 50‘ schwieriger, einen neuen Job zu finden. Das hat viele Ursachen, darunter auch viele objektiv nicht gerechtfertigte, entspricht aber leider der Realität. Umso wichtiger ist es, sich über jede einzelne Bewerbung Gedanken zu machen und diese zielgerichtet zu platzieren. Dazu später mehr.
Es nützt nichts mit dem eigenen Schicksal zu hadern, auf den ‘bösen ehemaligen Arbeitgeber‘ zu schimpfen und immer wieder zurück zu schweifen in die Vergangenheit. Diese ist vorbei. Es geht in einen neuen Lebensabschnitt, auch wenn dies schwerfällt. Nur die Zukunft sollte jetzt noch zählen. Wer diesen ‘Turnaround‘ nicht schafft, hat von vorneherein keine Chancen.
Einige Menschen aus der Gruppe ‘55+‘ besorgen sich Fachliteratur und lesen sich online in die Thematik ein oder nehmen die Hilfe von Coaches oder Karriereberatern in Anspruch, insbesondere wenn die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz ‘unfreiwillig‘ erfolgt wie z. B. nach einem betriebsbedingten Arbeitsplatzverlust. Häufig ging diesem eine langjährige Beschäftigung bei diesem Arbeitgeber voraus.
Ich kann nach wie vor nicht begreifen, was diesen Menschen, die Hilfe und Unterstützung suchen, dann oft erzählt und vorgegaukelt wird. Mit der Realität und den Bedürfnissen und Erfordernissen eines Unternehmens und des Marktes hat dies häufig aber gar nichts (mehr) zu tun.
Dies sind die häufigsten Irrwege:
Immer wieder lese ich von der Mär, dass Rekrutierungsverantwortliche in den Unternehmen buchstäblich ‘in Bewerbungen ertrinken‘. Dass es deshalb erforderlich sei, sich unbedingt aus der Masse von 100+ Bewerbungen hervorzuheben. Dass der Lebenslauf ‘perfekt‘ sein und jedes Mikrodetail aufzählen muss. Dass man ihn garnieren sollte mit einem Zitat / einer Schilderung, was diesen Kandidaten nun auszeichnet und welche Lebensphilosophie er hat. Gerade vor ein paar Tagen musste ich wieder eine Kolumne lesen, in der ein sog. Karrierecoach von den ‘mit der hohen Anzahl der eingehenden Bewerbungen überforderten Personalleitern‘ erzählte und dass diese ’nur Augenblicke auf das Studium eines einzelnen Lebenslaufs verwenden können‘. Das war tatsächlich einmal so. Vor etwa 25 Jahren. Der Fachkräftemangel umfasst inzwischen nicht nur Ingenieure und IT-Fachkräfte, sondern auch viele Qualifikationen mit einer Berufsausbildung. Häufig werden Stellen wochenlang ausgeschrieben und es geht nicht eine einzige Bewerbung ein. Bei kaufmännischen Positionen wie z. B. im Account-Vertrieb, Fachkräfte für die Buchhaltung, HR, Customer Service oder Logistik gibt es in aller Regel noch Bewerber, aber sehr oft lassen sich diese an zwei Händen abzählen.
Machen Sie stattdessen Ihren Lebenslauf dadurch interessant, dass Sie punktgenau die geforderten Qualifikationen mitbringen und untermauern Sie dies durch ein Anschreiben, das ergänzende Informationen liefert und etwas über Sie selbst aussagt. Das heißt auch, es gibt keinen ‘Lebenslauf von der Stange‘. Ein Lebenslauf sollte in der inhaltlichen Darstellung auf die geforderten Qualifikationen angepasst sein, detailliert aber nicht bis ins Mikrodetail und vor allem nicht das wiederholen, was in den Arbeitszeugnissen steht, sondern gewichten, priorisieren und zusammenfassen.
Dann wird immer wieder empfohlen, dass Bewerber aus der Gruppe 55+ zeigen sollen, dass sie noch nicht ‘zum alten Eisen gehören‘, sondern mithalten können mit der Jugend. Am besten tut man das durch Einrichtung möglichst vieler Profile in den trendigen Social Media, durch einen saloppen lockeren Schreib- und Ausdrucksstil der hipp, krass und lan ist, durch Networking im Stil der Generation Z, durch Likes und Direktansprachen, Gründung eigener XING-Gruppen mit Einladung aller HR-Verantwortlichen der Region undundund. Glaubt denn wirklich jemand, ein Personalleiter ist geradezu begeistert, wenn er über Business Plattformen oder Social Media ‘aufs Geradewohl‘ von einem Unbekannten angesprochen wird, der der perfekte künftige Mitarbeiter ist (aber dennoch rätselhafterweise aktuell arbeitssuchend)? Das ist allenfalls peinlich, meist sogar blamabel. Echt jetzt? Und wie weit soll das gehen? Suchen Sie sich dann zum Vorstellungsgespräch mit dem Unternehmensvertreter Ihre neuesten Sneaker und eine möglichst trendige Jeans heraus und klopfen zu der Begrüßung erst einmal auf den Tisch mit dem Satz ‚Und was geht, Mann?‘
Unternehmen erwarten von einem lebenserfahrenen Kandidaten nicht, dass er sich wie ein Mittzwanziger benimmt und mit dieser Personengruppe in den Wettstreit geht. Mit 55+ zählen andere Werte, u. a. Fachwissen, Praxiserfahrungen, eine gewisse Abgeklärtheit, Toleranz, Überblick, Selbstständigkeit, Entscheidungsfähigkeit, vernetztes Denken und die Fähigkeit, die richtigen Prioritäten zu setzen. Fordert eine Position solche Eigenschaften, ist eine Bewerbung darauf sinnvoll. Wird aufgrund der Aufgabenbeschreibung und Anforderungen offensichtlich ein jüngerer Mensch mit wenig(er) Erfahrung gesucht, bringt eine Bewerbung in aller Regel nichts.

Noch ein Wort zu dem häufig missbrauchten Begriff ‚Networking‘. Über XING, LinkedIn, Facebook oder andere Plattformen (wild)fremde Menschen anzuschreiben heißt zwar die Möglichkeiten des Internets zu nutzen, hat aber mit Networking so viel zu tun wie die Gabel mit der Suppe. Haben Sie jedoch z. B. einen guten Kontakt zu jemandem, der Sie gut kennt und dieser steht wiederum in einer engeren Verbindung zu z. B. einem Rekrutierungsverantwortlichen, sind Sie auf dem Weg zum netzwerken. Idealerweise haben Sie mit ihm noch irgendwelche gemeinsamen Anknüpfungspunkte (z. B. Hobbies, Besuch der gleichen Veranstaltung(en), gemeinsame Interessen etc., je ‚exotischer‘ desto besser‘). Dann hilft Ihr persönliches Netzwerk, eine direkte Verbindung zu einem Rekrutierungsverantwortlichen herzustellen, basierend auf einem gemeinsamen Anknüpfungspunkt. DAS ist dann ’netzwerken‘. Ein gemeinsames Interesse kann z. B. ein besonderes Fahrzeug sein, eine Blecheisenbahn, ein verfasster Blog über das gleiche Thema, aber auch die Suche des Personalleiters nach einer bestimmten Qualifikation, die Sie mitbringen oder schlicht die Suche eines Tennispartners im lokalen Verein. Anfragen und Kontaktgesuche ohne einen konkreten Bezug oder Anknüpfungspunkt werden allgemein eher als lästig empfunden.

Was ist aber nun erfolgversprechender als diese vermeintlich guten Ratschläge?

Zunächst einmal gibt es keine universelle Master-Lösung, die auf alle Menschen, Qualifikationen und Situationen passt. Grundsätzlich sollte man sich als ’55+‘ auf die Stärken und Erfahrungen stützen, die man über viele Jahre angesammelt hat.
Ist man durch ‚einen roten Faden‘ zu einem Spezialisten in einem Bereich geworden, wird man auch nur dort eine neue Stelle finden, in der entsprechenden Branche. Hat man verschiedene Aufgaben jeweils einige Jahre erledigt, sollte man nach einer Position suchen, wo genau das gefordert wird: Überblick, vernetztes Denken, breite Erfahrung, Allroundertalent, auch branchenübergreifend. Das findet man meist bei kleineren Unternehmen. Es macht hier keinen Sinn sich auf spezialisierte Positionen zu bewerben, weil man ‚eine solche Aufgabe auch schon einmal wahrgenommen hat‘. Entweder ist der spezifisch gleich Erfahrene sehr viel jünger oder der gleichaltrige Spezialist hat eine deutlich längere Erfahrung. Es ist vorprogrammiert, wer hier nicht zum Zuge kommt. Als Abteilungsleiter hat man bei einer Sachbearbeiterfunktion aus ähnlichen Gründen immer das Nachsehen gegenüber einem Menschen, der die neue Aufgabe als Herausforderung und Fortentwicklung sieht. Denkbar wären hier allenfalls (Stabs-)Positionen außerhalb der Linienorganisation, Alleinaufgaben oder eine Projektmanagementaufgabe ohne Führungsverantwortung.
Häufig führt auch die Gestaltung des Lebenslaufs von vorneherein zu einer Absage. Kürzere zeitliche Lücken von einigen Monaten werden heute meist akzeptiert. Ist der Zeitraum ohne Beschäftigung länger, hilft es mitunter bei den Beschäftigungszeiten nur jeweils die Jahreszahl anzugeben. Keinesfalls sollten Lücken krampfhaft geschlossen werden mit vermeintlich ’sinnvollen‘ Tätigkeiten wie ‚Renovierung eines Bauernhauses‘, ‚verschiedene Trainings zur Selbstfindung‘ oder ‚überbrückende Freelancer-Tätigkeit‘. Bleiben Sie ehrlich. Eine Weltreise als Erfüllung eines Lebenstraums ist kein KO, ebenso wenig wie die aktive Stellensuche nach z. B. einer unerwarteten betriebsbedingten Kündigung. Ehrwürdige Aufgaben wie ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingshilfe oder Pflege eines Angehörigen sollten Sie belegen können, auch durch Benennung von Referenzpersonen, wenn keine Dokumente darüber vorliegen.
Beschreiben Sie kurz Ihr jeweiliges Beschäftigungsunternehmen mit den wesentlichen Kennzahlen, nennen Sie Ihre Aufgabe dort, präzisiert durch 5-6 Aufzählungspunkte, die nach Auswahl und Reihenfolge auf die geforderte Qualifikation ausgerichtet sind und ergänzt um die ‚Milestones‘ oder Haupterfolge.
Stehen Sie zu Ihrem Alter und Ihrer Erfahrung, fügen Sie ein Lichtbild ein und nennen Sie Ihr Geburtsdatum. Es gibt einige Recruiter, die eine Bewerbung ohne Bild und Geburtsdatum und einer langen Beschäftigungsliste gleich zur Seite legen, da sie ein Alter kurz vor der Verrentung vermuten und dies nicht erst umständlich, z. B. über Zeugnisse und eine Social Media Recherche, herausfinden möchten.
Nochmals: Bleiben Sie aber unbedingt bei allen Optimierungsmaßnahmen ehrlich. Haben Sie in einem bestimmten Bereich keine Erfahrung, dürfen sie diese auch nicht vorspiegeln.
Ein Kardinalsfehler ist die umgekehrte ‚Zwiebelschalensuche‘, bei der nach fortschreitender erfolgloser Bewerbungsdauer der Kreis um den Wohnort sukzessive größer gezogen wird. Nach 1,5 bis 2 Jahren sucht man schließlich bundesweit, dann ist es jedoch zu spät. Jeder potenzielle neue Arbeitgeber wird dann davon ausgehen, dass Sie wieder weg sind, sobald Sie doch etwas in Heimatnähe gefunden haben. Ich höre immer wieder eine Vielzahl von Ausreden und Ausflüchten, warum keine überregionale Beschäftigung möglich ist. Was ist denn das Wichtige: Das eigene Haus, ein Vereinsvorsitz, die Nähe zu den Eltern oder aber eine sichere Beschäftigung bis zur Rente? Es tut mir leid, aber das Leben fordert häufig Einschnitte und Kompromisse, auch wenn diese den persönlichen Komfort beeinträchtigen. Einmal falsch angegangen, ist dieser ‚Makel‘ auch nicht mehr korrigierbar, sondern führt in die soziale Abhängigkeit. Und mehrere Jahre Arbeitslosigkeit verhageln dann letztendlich auch eine erfolgreiche lokale Suche.
Was ist nun jedoch, wenn man ein Spezialist ist in einem Gebiet, das nicht mehr gefragt ist? Häufig findet man dies z. B. in der IT. Hier ist mein Rat, sich frühzeitig vorzubereiten und sich niemals nur auf Aufgaben und Technologien zu konzentrieren, die absehbar ‚veralten‘ – auch wenn dies bequem ist. Bleiben wir bei der IT. Dort laufen alte Systeme häufig noch eine Zeit weiter und die Unternehmen sind vermeintlich dankbar für diejenigen, die sich damit noch auskennen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem das obsolete System abgelöst wird. Dann ist plötzlich der betreuende Mitarbeiter ebenfalls obsolet. Lassen Sie sich niemals in eine Sackgasse manövrieren. Bleiben Sie ‚am Ball‘ der Neuentwicklungen, zumindest mit 50 % Ihrer Arbeitszeit. Ist das nicht möglich, wechseln Sie zu einem anderen Unternehmen, solange Sie noch gute Chancen haben. Ein ‚Aussitzen‘ funktioniert in den seltensten Fällen. Darauf bauen, dass es noch andere Unternehmen mit alter Technologie gibt, ist die schlechteste Lösung. Fast immer gibt es dort dazu auch die Mitarbeiter, die diese Technologie betreuen. Dies gilt auch z. B. in der industriellen Produktion oder in der Konstruktion. NC-gesteuerte oder manuelle eingerichtete Maschinen sind ebenso obsolet wie ein Arbeiten am Zeichenbrett.
Ist ‚das Kind jedoch in den Brunnen gefallen‘ bleibt in meinen Augen nur noch eines was hilft. Sich auf gänzlich neue Aufgaben fokussieren die gesucht sind, auch wenn sie teilweise deutlich unter der erreichten Qualifikation liegen. Das reicht derzeit vom Bus-/S-Bahnfahrer, über die Alten- oder Krankenpflege, verschiedene Handwerke, Erzieheraufgaben bis hin zu verschiedenen Berater- und Dienstleisteraufgaben. Hier können die Agenturen für Arbeit beraten und ein regelmäßiger Blick in die lokalen Print-Stellenanzeigen ist ebenfalls hilfreich. Teilweise sind diese Tätigkeiten auch im Rahmen einer Selbstständigkeit denkbar. Das mag hart und unfair klingen, könnte jedoch ein gangbarer Weg wieder zurück in eine Beschäftigung und in ein erfülltes Berufsleben sein.

Über den Autor:
André Huber ist seit 12 Jahren Consultant und Managing Partner in der Personalberatung. Er gehört dem Unternehmernetzwerk von Passion for People an. Zuvor war er 19 Jahre in Spezialisten- und Führungspositionen im Personalbereich sowohl bei Familienunternehmen als auch internationalen Industriekonzernen im Einsatz.

André Huber
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